Zeichnung Alexander Seelherr

Ein kurzer Abriss über das Zeichnen

Ein kurzer Abriss über das Zeichnen

0. Energiehülle und Punkt.
Energie ist zeitloses Potential zur Entfaltung. Diese Kammer des Stalkers wird in der Mathematik mit dem Einheitskreis größer minus Eins bis kleiner plus Eins dargestellt. Mit einem Nadelstich platzieren wir einen Knotenpunkt in diesen Ballon. Wir initiieren ein unwiderrufliches Ereignis. Über den Schnittpunkt wird das Tabu im Raum verletzt, das Schicksal herausgefordert, das Gleichgewicht zwischen Außen und Innen gestört, ein Zeichen gesetzt, eine Bedeutung verliehen und ein Impuls veranlasst. Dieser Impuls kann vom Betrachter weg oder zu ihm hin weisen. Implosion und Explosion halten sich nicht mehr die Waage. Das Subjekt trennt sich noch nicht vom Objekt. Ganymed oder Narziss sieht erstmals sein Spiegelbild. Der Punkt repräsentiert eine Qualität, die wir einen ersten Unterschied nennen können. Er ist Sinnbild für Initiation, Ereignis, Stetigkeitslücke, Übergang von Null zur Eins, Transformation des Seins vom Potential zur konkreten vektoralen Kraft. Ausdruck des Wahnsinns. Ist ein eingedrehter Punkt denn etwas anderes als ein unendlich kleiner Kreis? Ist der Kreis nicht Symbol von Geschlossenheit und Ausgeglichenheit? Ja, er ist beständig - und Nein, er ist veränderlich. Das ist das Geheimnis des Wellen-Teilchen-Charakters: Eine Spirale von Oben betrachtet erscheint wie ein Kreis.

1. Die erste Dimension
Ein Punkt im Raum ist singuläres Statement, eine Initialisierung des Nichts in Allem et vice versa. Die unerträgliche Einsamkeit des Seins von Adam. Aus seinem Klagelied entsteht Jubal, der Urton aus der Stille. Weltraumflimmern. Digitaler Pixelsalat.
Aus Impuls wird Puls, denn siehe da: ein Echo - ein Sternenhimmel. Gibt es dort noch einen weiteren Punkt im Nichts? Zweifel? Cogito ergo sum! Ich erdenke mir diesen Ort. Lilith wird geboren. Wie nah Echo und Ego doch beieinander sind. Willenskraft: dazwischen steht Respekt. Im Zeichnen ergeben sich aus der Verbindung der einzelnen Punkte Konturen, lineare Muster, sowie Schraffuren. Verkettungen und Bezüge ergeben eine Strichzeichnung. Ein Zodiak, entstanden aus der Verknüpfung der Sterne.

2. Die zweite Dimension
Zwei Punkte erlauben erstmals eine Auswahl: Ja und Nein - Du und Ich. Eine ursächliche Spannung entsteht zwischen Dir und mir, zwischen Adressat und Adresse, zwischen Anfang und Ende, zwischen Vergangenem und Zukünftigem. Dualismus impliziert Wahrnehmung von Zeit und Ort: eine Richtung - zwei Orte, wechselwirkend. Das Subjekt trennt sich vom Objekt. Ein Strich entsteht als Verbindung zweier Punkte, eine Gerade paarweiser Kommunikation entsteht. Mehrere sich überkreuzende oder parallele Geraden ergeben ein gezeichnetes Raster. Durch Verlagerung der befangenen Betrachtung in die Ebene einer Vogelperspektive schaffen wir eine weitere Dimension - willkommen im Dreisatz. Willkommen in der Beziehung.

3. Die dritte Dimension
Familie Ersiees findet sich. In der stabilen Flächengeometrie des Dreiecks entsteht etwas Einzigartiges: Im Schnittpunkt der Winkel- und Seitenhalbierenden entsteht ein neuer Inhalt und nach dem Willen kommt Sinn: der empathische Drehsinn. Channel der Liebe - Liebe: Die Mutter aller Gefühle. Die Dreiecksfläche ist potenzierfähig, die Moleküle des H2O bilden Wasserstoffbrücken. Die individuelle Bewegungsfreiheit der Urzelle um sich selbst wird zugunsten der Eingliederung in eine übergeordnete Gruppe aufgegeben. Aus einfacher triangulärer Anordnung wird ein kollektives, kubisches System. Eine Seelengemeinschaft symbiotischer Art. Gemeinschaftliche und gesellschaftliche Interessen bestimmen die Stärke der Bindung.
Beim Zeichnen abgebildet durch ein Netz. Dieses Netz erhöht die Spannkraft des Gewebes und ermöglicht die verstärkte Beugung der Fläche. Dadurch können wir dreidimensional körperliche Spannungen erfassen und zeichnerisch wiedergeben. Diese Eigenschaft heißt Viskosität. Sie ist ein wesentlicher Bestandteil von viraler Intelligenz, ermöglicht durch Vernetzung und Flexibilität, durch synaptischen Austausch von Spannungsveränderung und Reiz in flächigen, d.h. zwei- und dreidimensionalen Strukturen. Eine Treppe entsteht in der Landschaft zwischen dem Horizont und der Vertikalen.

4. Die vierte Dimension
Diese Dimension repräsentiert die Ebene der Verantwortung. Die zweite Dimension legt die elementare Information des Unterschieds offen. In der Dritten verbirgt sich das Bewusstsein von kollektiver Gemeinschaft und Verbindlichkeit. Das Phänomen des Zeit- und Raumkontinuums vollbringt in dieser vierten Dimension Wunder. Der Betrachter einer Zeichnung verbindet die Abbildung im Unterbewussten mit einem privaten Gedankenbild, einem Ereignis oder einer Emotion. Diese Dimension unterstützt die Abstraktionsfähigkeit als Grundlage eines ausgeprägten Verantwortungsbewusstseins.
Aus Informationen werden Gedanken, aus ihnen werden Ideen, aus Ideen wiederum evaluieren wir theoretische Konzepte und praktische Erfahrung; aus der individuellen und gesellschaftlichen Verantwortung entwickeln sich abstrahierte Werte eines Individuums, einer Gruppe oder Gemeinschaft. Aus Pixeln, Linien, Ketten und Schraffuren, Gitter oder Netzen werden Konturen und Umrisse, Muster, Schattierungen, Körper oder Figuren. All diese Bestandteile einer Struktur ergeben im Zusammenspiel eine Aussage, die den dafür offenen Betrachter berühren kann. In einer Träne oder einem Lächeln, einer natürlichen Emotion eines Menschen, initiiert durch die Betrachtung einer Zeichnung, übertreten wir die Schwelle vom zeichnerischen Handwerk zur bildenden Kunst. Denn damit wurde ein Zugang zu Inhalt und Sinnlichkeit der Zeichnung durch die Struktur geschaffen. Kunst bedeutet Verantwortung.

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