Struktur und Farbe Alexander Seelherr

Struktur und Farbe

Struktur und Farbe

Im Gegensatz zur Graphik, die über Punkte, Linien, Pixelgruppierungen, Linienraster strukturellen Schatten auf einer Ebene deutlich umrissen abzeichnet und so die Form erfasst, sind Farben als Malmittel in alle Richtungen ineinander fließend. Sie bestimmen wesentlich den emotionalen Zustand des Betrachters, die Struktur der Graphik reizt dagegen eher sein rationales und intellektuelles Bewusstsein. Während wir in einer Struktur anerkannte Normen erkennen und suchen, verlassen wir uns beim Farbenspiel stärker auf persönliche Sehgewohnheiten und Geschmack. In der Struktur finden Bezüge wie Verbindungen und Kreuzpunkte höhere Beachtung, in der Farbenwelt spielen bewusste oder unbewusste Empfindungen eine betonte Rolle. Diese Empfindungen werden durch Komposition der Grundfarben zueinander und deren Konstellation im Farbenspektrum erwirkt und beeinflusst.

Farben besitzen Symbolkraft

In einer bestimmten Situation ist Rot ein Tabu, während es im anderen Fall wiederum angebracht ist, den roten Teppich auszurollen. Farben spielen in der allgemeinen Symbolik eine besondere Rolle, indem sie das Gemüt des Menschen ansprechen. Sie können einvernehmlich wirken oder auch abstoßend, sie können allerdings auch paradoxe Erscheinungen hervorrufen, sodass sich Lindgrün über Grünspan zu Giftgrün verwandeln kann und Bedeutungsmuster sich aufheben oder widersprechen. Braun kann mit Schmutz, Erde oder Holz assoziiert werden, aber auch mit Bratensoße oder politisch dem rassistischen Populismus zugeordnet. Jeder Farbton schwingt in seiner spezifischen, subjektiv emotionalen Frequenz. Reinweiß gilt demgegenüber als übergeordnet, objektiv, neutral.

Farbe ist abgeleitetes, winklig gebrochenes Licht. Schatten ist Erscheinung von Kohlenstoff. Seine Atome ordnen sich strukturell. Struktur entsteht, sobald Raum zum Ort bricht, zugleich mit der Brechung oder Beugung von Licht. Struktur ist Überlagerung oder Interferenz von Wellen im Gefüge von Materie.  Farbensehen bedeutet den Zwiespalt zwischen Gefühl und Verstand. Minimalschwankungen in Amplitude, Freguenz oder Periode der Farbe können größte Unterschiede in der Farbempfindung bewirken. Jeder besitzt eine subjektiv unterschiedliche Wahrnehmung von Farben. Farbensehen ist persönlich mit entsprechend unterschiedlichen Vorlieben und Aversionen.

Weißabgleich

Ein Weiß enthält nicht nur alle Farben, Weiß potenziert vor allem ihre Einzelwirkungen und ergänzt ihre Spektralwinkel zum Vollkreis. Farben sind Spektrale weißen Lichtes. Sie vollziehen Übergänge und erzeugen Mischtöne, während gezeichnete Strukturen (Punkt, Linie oder Netz) graphisch Brüche verdeutlichen und markieren können. Der Punkt macht den Unterschied, die Linie teilt die Fläche, die Schraffur setzt den Schattenwurf. Weiß steht symbolisch für unbefleckt, reinigend, aus- und abgleichend, sowie überdeckend. Es steht schlicht für Wahrheit und Licht und verstärkt die Leuchtkraft von Farben.

Farbensehen

Der Mensch differenziert bis zu 150 verschiedene Farbtöne, deren Kombination zuzüglich Hell/Dunkel Abstufungen ergibt sieben Mio. auflösbarer Farbabstufungen. Thomas Young (1773-1829) fand auf medizinischem Erkenntnispfad heraus, dass jeder mögliche Farbton durch angemessene Mischung von drei Grundtönen erzeugt werden kann, und die drei Grundtöne komplementär Weiß ergeben: ergo Rot+Gelb+Blau=Weiß.

Die Rezeptoren des Farbreizes in unserem Auge heißen Zäpfchen. Es gibt drei verschiedene Arten von Zäpfchen, die einerseits bei Blau, andererseits bei Gelb oder Rot am empfindlichsten sind. Die jeweilige Information wird über den Sehfarbstoff Iodopsin über die entsprechenden Nervenstränge an das Gehirn weitergeleitet. Mithilfe des dreiwertigen Farbenfiltrats unserer zäpfchenartigen Sehzellen, zuzüglich der Information über Grauwerte von den Stäbchenzellen kann das Gehirn diese genannten sieben Millionen Farbabstufungen differenzieren.

Die jeweilige Komplementärfarbe gegenüber einem Farbton ergibt sich als seine Ergänzungsfarbe zu Weiß. Jede Kombination ist also konventionell gesehen relativ zur Standarte Weiß. In der Farbenlehre wird diese Formel eine Additive Mischung genannt. Anders verhält es sich jedoch bei Wasserfarben und Lasuren. Der reziproke Effekt hierbei beruht auf der homogenen Vermischung von Farbton und Pigment anstatt ihrer geschichteten Überdeckung und heißt subtraktive Farbenmischung. Die subtraktive Farbenmischung entsteht konträr zur additiven Mischung der von den Farbstoffen absorbierten Farben. Das, was übrig bleibt, wenn der entsprechende Farbton durch Lichtbrechung dem Grundweiß entzogen wird, ist schließlich die neue Farbe des subtraktiven Farbgemischs.

Das subtraktive Farbgemisch verlangt eine erweiterte Fähigkeit des Malers im Umgang mit Farben, nicht nur weil einige Farben heller auftrocknen, andere dunkler werden. Auch weil es etwas anderes bedeutet, ob ein Tropfen Rotwein in ein Weißweinglas geträufelt wird, als es umgekehrt der Fall ist. Im ersten Fall verfärbt schon ein Tropfen Rot die Transparenz des Weißen zum Rosé, im zweiten Fall ist keine sichtbare Verfärbung zu beobachten. Subtraktive Farbräume sind empfindlich ‚im Farbton zu kippen’, additive Systeme dahingehend weniger. Übersicht, Vorsicht, Materialkenntnis und Erfahrung minimieren das Farbenrisiko beim Mischen, schließen die Möglichkeit von Missgefallen jedoch nie gänzlich aus. Mustertafeln sind bei Lasurtechniken jedenfalls vorab angebracht, obgleich auch bei diesen mit einer eventuellen Abweichung zum finalen Effekt an der Wand gerechnet werden muß.

Gegenüber Farben ist das reine Weiß pflegeleichter in der Anwendung, welches allenfalls verbleicht und dann einfach überstrichen wird. In diesem Sinn ist neben der angesprochenen symbolischen Bedeutung die zweite Ursache zu erkennen, warum das Weiß als Raumfarbe die häufigste Lösung der Wandgestaltung darstellt: Weiß ist hell, pflegeleicht, cool, neutral, Standart. Die weiße Wand betont alle Objekte im Raum gleichermaßen bedeutungslos ohne symbolische Bezüge. Weiß ist der emotionale Schleier unserer Kulissen, Kostüme und Masken. Weiß kann einmalig schön sein wie frischer Schnee, aber auch so schmutzig wie Schneematsch werden.

Die Malerei,

das heißt das visionäre Mittel zum Aufbrechen einer emotionalen Verschleierung, bedient sich der vielfältigen Symbolik von Farben. Die drei oder vier Grundtöne sind Rot und Gelb, sowie Blau und erweiterbar auf Grün, das aus Blau und Gelb zusammengesetzt werden kann, aber dennoch eine eigene wesentliche Rolle spielt, auch Grün ist im Regenbogenspektrum als Grundfarbe vertreten. Auch sie kreiert farbig gestaltend eine bestimmte emotionale Beziehung zwischen dem Betrachter und dem Werk. Zur optimalen Wirkung ist zu beachten, dass im Gesamtwerk ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Farbenspiel und Struktur erreicht wird, um eine emotionale und intellektuelle Aussage durch Entsprechung oder Widerspruch in der Bedeutung deutlich herzuleiten oder aber gänzlich zu vermeiden.

Ein solches Bildnis -zum Medium der Kunst emporgehoben- bekommt damit seinen persönlichen identifikatorischen Wert zugewiesen. Das wohl ansprechendste Farbenspiel in der Natur ist beim Regenbogen oder Polarlicht zu bestaunen und zu beobachten, wobei die Existenz der ‚wahren Kunst’ in den farbenfrohen Naturphänomenen sein schöpferisches Ideal erfährt.

Der Regenbogen

Der Regenbogen als natürliches Phänomen fächert die uns sichtbaren Spektralfarben auf: Er ist das einzige Phänomen in der Natur, das Farben in reinen Spektrallinien abbildet. Die Farben erscheinen radial zum Bogen einzeln wahrnehmbar aufgeschlüsselt in monochromatischer Weise als Violett, Indigo, Blau, Grün, Gelb, Orange, Rot. Zum Hauptregenbogen existiert immer ein Nebenregenbogen. Je nachdem, wie oft ein Strahl innerhalb der Tropfenspannung abgelenkt wird, bevor er unter einem bestimmten Winkel austritt und unsere staunenden Augen erreicht, wird er als Strahl zweiter, dritter oder vierter Klasse bezeichnet. Insbesondere die Strahlen der dritten Klasse ( dreifache Lichtbrechung) bilden den Hauptregenbogen.

Rene Descartes (1596-1650) gelang der geometrische Nachweis, dass ein Großteil der Strahlen dritter Klasse eine Ablenkung zwischen 40 und 42 Grad von der Sonne weg erfahren, bezogen zum Standort des Betrachters. Die Farbe Blau erscheint demnach bei einem Winkel von 40° und Rot bei 42° Ablenkung. In Nebenregenbögen beträgt der Ablenkungswinkel (vierte Klasse) für Blau 53°, bis auf 50° für Rot: der resultierende Nebenregenbogen erscheint also zum Hauptregenbogen gespiegelt!

Zwischen den Spektralzonen vor 42° und nach 50° liegt die Alexander’sche Dunkelzone, in der keine Farben auftauchen- bekannt durch die Erkenntnisse des Alexander von Aphrodisias.
Analog zur Dunkelzone beim Regenbogen besitzen wir einen rundlichen blinden Fleck unterhalb der Iris in unserem Auginnern, wo sich keine Stäbchen zum strukturellen Sehen oder Zäpfchen zum Farbensehen befinden.

Eine besondere Erscheinung des Regenbogens ist der Weiße Regenbogen, der nur unterhalb einer Tröpfchengröße von 0,05 mm erzeugt werden kann, und der deshalb als Regenbogen im Nebel auftaucht.

Farben sind die Kinder des Lichts, der Maler ist nur ihr bescheidener Interpret, ein Schüler des Lichts, der sich nach Annäherung sehnt.

Zuweilen geschieht das Malen frei gestaltet in Öl auf einer Leinwand an der Staffelei. Doch bedeutet es etwas anderes für den Maler, wenn er Außenwänden eines Objekts oder Innenwänden eines Raumes Farbe und Struktur verleiht. Raum kann überall auf zweierlei Weise aufgefasst werden: profan in seinen physischen Begrenzungen bzw. Aufteilungen oder aber grenzenlos in Fantasie und Möglichkeit. Raum ereignet sich irgendwo zwischen Vision und Konzept, irgendwo zwischen Idee und Tat, irgendwo zwischen Allem oder Nichts.

Als Kulissengestalter und Raumbildner bin ich generell bestrebt, dem Raum im Sinne einer Corporate Identity sein persönliches Gesicht zu verleihen. Die Lichtverhältnisse im Raum, seine Funktion, seine Einrichtungen und Objekte, sowie Winkel und Proportionen bestimmen die passende Auswahl der Materialien, Strukturen und Farbgebungen.

Unter einer großen Auswahl kreativer Möglichkeiten findet sich für jede erwünschte Raumwirkung eine angemessene Lösung zur Gestaltungsfrage. Gutes muß nicht Teuer sein, aber alles hat seinen Preis. Eine Investition in Qualität und Werte ist eine Investition in die Zukunft und zahlt sich erfahrungsgemäß über kurz oder lang aus.

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